"Tiefer Griff in die politische Trickkiste"
08. September 2010
Gentechnik Eine weitgehend neutrale Auseinandersetzung mit dem Thema Gentechnik sei kaum möglich. Mit dieser Warnung stieg Dr. Claudia Döring vom Deutschen Raiffeisenverband auf der Vorsitzenden- und Geschäftsführertagung des Landvolkes Niedersachsen in Walsrode in ihren Vortrag ein. Präsident Werner Hilse hatte eingangs festgestellt, mit der derzeitigen Situation könne die Landwirtschaft nicht weiterleben.
inige Fakten zum globalen Anbau stellte Döring an den Anfang. Weltweit würden seit nunmehr 14 Jahren gentechnisch veränderte oder sogenannte GVO-Sorten angebaut, aktuell ist die Fläche mit 134 Mio. ha viermal so groß wie die Bundesrepublik. Zu den fünf führenden Nationen zählen USA, Brasilien, Argentinien, Indien und Kanada. Die am häufigsten angebauten Kulturpflanzen sind Soja, Baumwolle, Mais und Raps. Drei von vier Sojafeldern weltweit sind mit GVO-Sorten bestellt, bei Baumwolle ist es jede zweite, bei Mais jede vierte und bei Raps jede fünfte, Tendenz steigend. Neue Probleme seien mit der Zulassung sogenannter Züchtungen der zweiten Generation zu erwarten, sie tragen neue Eigenschaften in sich, kündigte Döring an.
Probleme bereite derzeit der Umgang mit den im Ausland zugelassenen Sorten, und zwar beim Import von tierischen Produkten, Futter sowie Lebensmitteln und Lebensmittelzutaten. Die von der EU im April 2004 beschlossene Kennzeichnungsregelung bezeichnete sie als „willkürlich", da sie darauf abziele, die Kennzeichnung „hergestellt mit Gentechnik" zu vermeiden. Die Verwendung von gentechnisch veränderten Produkten dagegen werde nicht vermieden.
Ganz anders laufe der Futtermittelmarkt, wo beispielsweise Soja nach Qualitäten gehandelt werde und China mit seiner gewaltigen Nachfrage die Richtung vorgebe. Daraus sei die „bizarre" Situation entstanden, dass Deutschland wegen Mikrospuren gentechnisch veränderter Produkte einen „Riesenzirkus" veranstalte. Der Gesetzgeber schüre zudem gegenüber dem Verbraucher die Illusion, sich in gentechnisch freien Nischen bewegen zu können. Als „tiefen Griff in die politische Trickkiste" kritisierte Döring die Kennzeichnungsregel. Die unternehmerische Freiheit Einzelner werde eingeschränkt, Zulassungen verzögert und der Abzug der Forschung begünstigt. Nicht zuletzt befürchtete die Referentin den „Verlust der Deutungshoheit" für die EU zu diesem Themenfeld, zumal die Kritiker mit einfachen Botschaften überzeugen könnten.
Derzeit könne nicht garantiert werden, dass Importfutter frei von GVO-Ware seien, aber Lösungen deuteten sich weder auf EU-Ebene noch in Deutschland ab. Im Gegenteil seien noch größere Probleme zu erwarten, wenn im Herbst der sogenannte SmartStaxMais, ein in mehreren Merkmalen veränderter Mais, in den Handel gelange, für ihn gebe es in der EU keine Zulassung.
Döring wünschte sich eine sachlichere und weniger von Emotionen beherrschte Diskussion zur Gentechnik. Zurzeit dagegen verhindere die Kommunikation zu Gentechnik die Akzeptanz eher als sie zu fördern. Landwirten müsse es auch möglich sein, die neue Technologie zu nutzen. Als einen Baustein auf dem Weg dahin wertete sie die Prozesskennzeichnung, denn die immer wieder suggerierte „Gentechnikfreiheit" gebe es schon lange nicht mehr.
Sehr lebhaft war die Diskussion um die Positionierung des Verbandes zum Thema Gentechnik. Eindeutig kam zum Ausdruck, dass der Berufsstand eine klare Stellung beziehen muss. Döring beklagte ein fehlendes Selbstbewusstsein; die Bauern müssten sich als Unternehmer präsentieren und nicht als Spielball. Zugleich warnte sie davor, sich bei Greenpeace und ähnlichen Organisationen anzubiedern, das funktioniere nicht. „Mit Greenpeace kann man nicht in den Dialog treten", sagte sie. Die aktuelle GVO-Problematik beim Mais wertete Landvolk-Hauptgeschäftsführer Jörn Johann Dwehus als „Politikum". Er warf Pioneer vor, das Unternehmen missbrauche die Bauern „als Kanonenfutter, um die Diskussion um Grenzwerte und Toleranzschwellen in Gang zu bringen".
Br/KL