gemeinsam stark

Visionen werden dringend benötigt

22. Dezember 2016

Foto: Schukies

Getreidetag Herausforderungen nennen und Lösungswege zeigen – das will der Braunschweiger Getreidetag. Der jüngste ging in Salzgitter der Frage nach, ob Fortschritt und moderne Landwirtschaft bestehende Probleme lösen können.
Es ist so dramatisch, wie es sich anhört: bis 2050 werden auf der Erde rund 9 Milliarden Menschen leben. Gleichzeitig werden die natürlichen Ressourcen immer knapper, vor allem Wasser und die nutzbare Ackerfläche. „Wir müssen lernen, mit weniger mehr zu erreichen“, erklärte Prof. Hubert Korte vom Institut für Landtechnik an der FH Osnabrück beim 22. Braunschweiger Getreidetag in Salzgitter.

Unter den Einsatzfaktoren Kapital, Arbeit, Boden und Wissen sei Wissen der wichtigste für Effizienz. Bis 2020 würden weltweit rund 50 Milliarden „smart objects“ genutzt werden – vom Smartphone bis zum autonomen Fahrzeug. „Damit müssen wir umgehen“, sagte Korte.

Denkbar seien in der Landwirtschaft die unterschiedlichsten Modelle, von der „smart-Scheune“ bis hin zu völlig autonomen Ladeketten. „Um neue Maschinenkonzepte zu entwickeln, müssen wir vor allem bestehende Produktionsprozesse in Frage stellen, denn Prozesse steuern unsere Betriebe“, präzisierte er. Das sei in der Landwirtschaft nicht anders als in der Industrie. Der Unterschied: in der Landwirtschaft gibt es erheblich mehr Variablen wie Regen oder Bodenzustand. Damit müsse der Prozess dann klar kommen, etwa über Sensoren und eine automatische Einstellung im Mähdrescher. „Diese Maschinen kosten rund 500.000 Euro. Sie haben nichts davon, diese Maschine nur zu 70 Prozent zu nutzen“, verdeutlichte er.

Prof. Korte nahm seine Zuhörer mit auf einen gedanklichen Parforceritt technischer Möglichkeiten: vom sogenannten Weedseeker (Unkrautsucher) zur punktuellen Behandlung mit Spritzmitteln über vernetzte modulare Maschinen (ein Schlepperfahrer steuert verschiedene parallel fahrende Fahrzeuge), um nur einige zu nennen. „Bei den technischen Möglichkeiten, gibt es kaum Grenzen. Der größte Knackpunkt ist hier in Deutschland vor allem der Datenschutz“, verdeutlichte Korte. Und der ländliche Raum müsse digital aufgerüstet werden: „Wo kein Netz ist, gibt es auch keine Vernetzung.“

Doch ist das, was technisch möglich ist, auch zukunftsfähig für den Ackerbau in Niedersachsen? Darüber diskutierten Ulrich Löhr, Vorsitzender des Landvolks Braunschweiger Land, Johannes Kaufmann, Redakteur bei der Braunschweiger Zeitung, und Philipp Bues von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit dem Prof. Korte. Und waren sich überwiegend einig: die Landwirtschaft müsse sich darauf einrichten, höhere Erträge auf weniger Fläche einzufahren. Dies sei auch das beste Argument für eine moderne Landwirtschaft.

Zudem forderten sie die Landwirte auf, die eigene Arbeitsweise transparenter darzustellen. Wobei Landwirte  in ihrer Öffentlichkeitsarbeit unbedingt authentisch bleiben müssten. Außerdem sollten sie sich in sämtlichen Medien emotionaler und stärker engagieren. „Verbohrte Menschen kann man nicht überzeugen. Aber das Publikum sieht bei einer Diskussion durchaus beide Seiten,“ erklärte Johannes Kaufmann.
Katja Schukies

Bei der Getreidevermarktung kurzfristige Chancen nutzen

Analyse Weihnachtsgeschenke in Form guter Preise konnte Wienke von Schenck beim Braunschweiger Getreidetag nicht verteilen. Doch eine halbwegs gute Nachricht hatte die Marktexpertin von der AMI (Agrarmarkt Informations- GmbH): Bei Raps ziehen die Preise in Folge der dritten weltweit knappen Ernte etwas an.

„Dagegen gibt es am Weltmarkt derzeit ein bisschen zu viel Mais, Weizen und Gerste – mit entsprechenden Preisen“, sagte von Schenck. Zumal die Lager gut gefüllt sind.

Daher sind auch die Aussichten auf bessere Preise gering, obwohl die EU-Ernte erneut kleiner ausgefallen ist. Dies spielt auf dem Weltmarkt aber kaum eine Rolle, da die Ernten in anderen Ländern zumindest ebenso groß ausfielen wie in den Jahren zuvor.

Wobei sich bei der Vermarktung insbesondere die räumliche Nähe von Russland und Rumänien bemerkbar macht: Diese Länder können fast ebenso schnell Getreide liefern wie die EU und die etwas höheren Frachtkosten machen sich kaum bemerkbar, anders als etwa bei Lieferungen aus Australien oder den USA. „Russland ist der bedeutendste Weichweizen-Exporteur in diesem Jahr“, sagte von Schenck. Die EU müsse sich strecken, um ihren Weizen auf dem Weltmarkt los zu werden, und das ginge nur über den Preis.

Dies wirke sich auch auf Deutschland aus: „Egal, wie und was wir Deutschen ernten, es hat keinen Einfluss auf den Preis“, erklärte die Marktexpertin. Einen Lichtblick gebe es derzeit nur beim Futterweizen. Wienke von Schenck riet den Landwirten, für die Vermarktung vor allem kurzfristige Chancen zu nutzen, zum Beispiel bei Lieferschwierigkeiten in anderen Ländern. „Sie müssen sich darauf einstellen, die Märkte dann zu beschicken, wenn Ware gebraucht wird“.
KS

 

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