gemeinsam stark

Für künftige Krisen gewappnet sein

17. November 2016

Foto: Landvolk

Stresstest Niedersachsens Landwirte müssen sich nicht nur in Ackerbau und Viehzucht bewähren. Die aktuell schwierige Phase an allen Agrarmärkten fordert sie auch psychologisch und  betriebswirtschaftlich heraus. Das Landvolk Niedersachsen hat dazu in einem Agrarforum mit dem Sparkassenverband Niedersachsen sowie der Norddeutschen und Bremer Landesbank diskutiert, wie Landwirte ihre Betriebe liquide aufstellen und für zukünftige Agrarkrisen vorsorgen können.

„Wir erleben große Krisen in der Milchviehhaltung und der Veredlung, kleinere im Ackerbau, viele Betriebsleiter haben viel Geld verloren“, schilderte Landvolkpräsident Werner Hilse die Erfahrungen mit offenen Märkten. Aber er blieb auch optimistisch und fügte an: „Wir glauben an die Trendwende“. Zu einem offenen und frühzeitigen Gespräch über geplante Finanzierungen ermunterte Günter Distelrath, Geschäftsführer des Sparkassenverbandes Niedersachsen, die Landwirte. Er sah Gründe für den Strukturwandel sowohl bei Sparkassen wie auch Landwirten durch eine Vielzahl äußerer Einflüsse, u.a. eine zunehmende Regulierung und politische Eingriffe in Marktprozesse. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank entfalte eine zerstörerische Energie und laufe der deutschen Sparkultur zuwider, kritisierte Distelrath scharf.

Kennzahlen analysieren!
Analog dem Stresstest für Banken skizzierte Prof. Dr. Reimer Mohr von der Unternehmensberatung Hanse Agro  ein ähnliches Kontrollinstrument für Landwirte. Sie nutzten in Niedersachsen ihre Stärken, lobte er, sah aber in globalisierten Märkten Gefahren, weil Angebot und Nachfrage nicht immer in Gleichschritt liefen. Witterung, weltwirtschaftliche Entwicklungen, aber auch die Politik verursachten starke Abweichungen. So kämen restriktive Importpolitiken und überzogene Auflagen einer Schrumpfung des Sektors gleich. Mohr warnte die Landwirte vor zu hohen Kosten für Flächen oder der Verwertung organischer Nährstoffe und einem zu schnellen Wachstum. So sollten die Landwirte dem Liquiditätsmanagement mehr Beachtung schenken und beispielsweise ihre Kennzahlen überprüfen. Erreiche der Betrieb das obere Viertel nicht, sei ein Verzicht auf Investitionen ratsam, bei Pachtverträgen riet er ebenso zu Anpassungsklauseln wie beim Kapitaldienst zu variablen Tilgungssystemen. Insgesamt sollten die Landwirte weniger „aus der Bewegung“ entscheiden, sondern kritischer planen, empfahl der Unternehmensberater.

Ähnlich warnte Dr. Rüdiger Fuhrmann, bei der NordLB für das Agrarbanking verantwortlich, vor der nächsten Marktschwäche, „sie kommt ebenso bestimmt wie die nächste Markterholung“. Vorausschauende Liquiditätsplanung und -steuerung bezeichnete er nicht als Instrument für Krisenzeiten, sondern als eine Hilfestellung, um frühzeitig Engpässe in den Finanzen erkennen und vermeiden zu können. Als ein Partner für Agrar-Bürgschaften stellte Rainer Breselge die Niedersächsische Bürgschaftsbank vor. Sie steht klein- und mittelständischen Unternehmen der Land- und Forstwirtschaft zur Seite, um Kredite der Landwirtschaftlichen Rentenbank bei schwacher Bonität abzusichern. Unter www.agrar-buergschaft.de gibt es dazu weitere Informationen und Ansprechpartner.

Emotionales Thema
Ein Schwerpunkt galt schließlich dem Bodenmarkt, den Prof. Dr. Enno Bahrs von der Universität Hohenheim als „außerordentlich emotionales Thema“ bezeichnete. Er unterschied zwischen dem Vermögenswert als geldwertem Besitz und dem Ertragswert als Summe zukünftiger Erträge. In Deutschland werde im Jahr deutlich weniger als ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche gehandelt, und dennoch gebe es nicht „den einen“ Bodenmarkt, sondern eine Vielzahl regionaler Märkte, die jeweils anders liefen. Diese Unwissenheit würden Außenstehende teuer bezahlen.

Auftrieb erhält der Bodenmarkt nach Einschätzung von Enno Bahrs durch die niedrigen Zinsen, Fuhrmann stufte diese Gefahr als nicht so hoch ein. Preisbestimmend ist nach Aussage von Bahrs das beste Drittel, mit dem Boden erwerbe der Käufer zugleich Nutzungsrechte, verdeutlichte der Wissenschaftler und verwies auf die Düngeverordnung, die Wachstum in der Tierhaltung künftig nur noch durch Verdrängung zulasse. Abschließend streifte er die von Niedersachsen geplante „Pachtpreisbremse“ und sah in dem bislang noch nicht offiziell vorgelegten Gesetz derart viele Widersprüchlichkeiten, dass er nur einen kurzen Kommentar abgab: „Ich hoffe, dass es nicht über sie kommt“.
Br

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