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Mündig, aber schützenswert?

30. April 2015


Donnerwetter: Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt spricht „dem“ deutschen Verbraucher das Recht auf Eigenverantwortung zu.

Gleich zwei inflationär benutzte Begriffe packt der Minister, in dessen Haus bis zur letzten Bundestagswahl der Verbraucherschutz mit angesiedelt war, in einen Satz: die Eigenverantwortung und den Verbraucher. Gemeinhin wird dem so präsenten, aber kaum näher zu bestimmenden Wesen namens Verbraucher, ein hohes Maß an Kompetenz, Aufgeklärtheit und Wissen unterstellt. Dies hindert ein ganzes Geschwader so genannter NGOs - in der Langform Nichtregierungsorganisationen - nicht daran, sich schützend vor ihn zu stellen. Geht es um die richtige Schulverpflegung, um Kennzeichnungsregeln, Zusatzstoffe oder was auch immer: Der Verbraucher, selbstredend auch die Verbraucherin, muss geschützt werden! Mit großer Inbrunst wird zugleich immer wieder betont, wie mündig der zu schützende Verbraucher ist.

Diesen großen Widerspruch haben jetzt auf der 60-Jahr-Feier des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde in Berlin Minister Schmidt und andere Festredner aufgelöst. Sie sehen in „geänderten Befindlichkeiten“ der Gesellschaft einen Gradmesser für die Notwendigkeit staatlichen Handels, aber nicht die Aufforderung, das tägliche Leben bis ins letzte Detail regulieren zu müssen. Das Angebot des Staates an Entscheidungshilfen und Aufklärung ist schließlich groß: Es reicht von Ernährungskunde im Schulunterricht über detailgenaue Inhaltsangaben auf Lebensmittelpackungen bis zur Beratung in Verbraucherschutzfragen. Wer sich informieren möchte, kann aus einem üppigen Angebot auswählen. Übrigens auch bei Unternehmen und Firmen. Dieses Angebot muss nur genutzt werden, und da setzt die Eigenverantwortlichkeit an.
Die meisten Menschen wissen sehr wohl, aus den angebotenen Informationen durchaus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Auch ausgewogene Ernährung ist eigentlich kinderleicht, staatliches Reglement schafft nicht mehr Sicherheit. Das Wissen baut auf den Erfahrungen und dem in Kindergarten, Schule und natürlich Elternhaus Gelernten auf. Hier werden Weichen für eigenständiges Handeln und Entscheiden gelegt. Übrigens nicht nur, wenn es um gesunde Ernährung geht, sondern auch für viele andere Alltagsentscheidungen, von der Mediennutzung bis zu Finanzgeschäften.

Souveräne Bürger sind sehr gut in der Lage, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn die Politik den großen Rahmen vorgibt. Den übereifrigen Missionierungsruf Einzelner darf der Staat im Vertrauen auf den mündigen Verbraucher gelegentlich auch überhören.
Gabi von der Brelie

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