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Gutachter bestehen auf Veränderung

10. April 2015


Reaktionen Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates zur Zukunft der Nutztierhaltung löste heftige Reaktionen aus. In einem ausführlichen Interview setzten sich zwei der maßgeblich beteiligten Professoren damit auseinander.

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium wehrt sich gegen pauschale Kritik an seinem Gutachten „Wege zu einer akzeptierten Nutztierhaltung“. Er halte Vorwürfe, die Empfehlungen seien „leichtfertig“ oder „unwissenschaftlich“, für „etwas hilflose Versuche, eine Auseinandersetzung mit den Inhalten des Gutachtens zu vermeiden“, so der Beiratsvorsitzende Prof. Harald Grethe in einem Interview mit dem Pressedienst Agra-Europe (AgE). Ein Großteil der Kritik an vermeintlich unwissenschaftlichen Empfehlungen entzündet sich seines Erachtens daran, „dass die Empfehlungen mit den eigenen Vorstellungen kollidieren“.

Beiratsmitglied Prof. Achim Spiller, der federführend beim Gutachten war, beklagt das Fehlen einer Gesamtstrategie für die Tierhaltung. „Branche, Politik und zum Teil auch Wissenschaft reagieren zu sehr als Getriebene“, kritisiert der Wissenschaftler.

„Ärgerlich“ ist für Grethe bei der bisherigen Diskussion die wissentliche Verdrehung von Tatsachen. Als Beispiel führt er die Aussage eines Verbandes an, der Beirat fordere eine „Öko-Tierhaltung“. Ebenfalls nicht nachvollziehbar sei der Vorwurf, der Beirat plädiere für einen „radikalen Umbau mit der Brechstange“.
„Wir weisen im Gutachten explizit darauf hin, dass grundlegende Änderungen von Haltungssystemen im gesamten Sektor nur mittel- bis langfristig möglich sind, weil Stallbauten in der Regel mit einer Abschreibungsfrist von 20 Jahren geplant werden“, stellt der Vorsitzende klar.  Gleichwohl rechtfertigt er die vorgeschlagenen Sofortmaßnahmen. Damit habe deutlich werden sollen, „dass man die Umsetzung eines Großteils der Empfehlungen bei entsprechendem politischem Willen zügig einleiten könnte“. „Passend“ nennt der Hohenheimer Hochschullehrer die Forderung nach einem Umbau der Tierhaltung. „Eine Botschaft ‚Wir sind auf dem richtigen Weg, nur weiter so‘ hält nicht zum Handeln an und wäre in der gegenwärtigen Situation ein falsches Signal“, so Grethe. Seiner Auffassung nach ist die Bereitstellung von deutlich mehr Platz, Beschäftigungsmaterialien und Außenklima vor allem in der Mast ein „Umbau“. „Alles andere wäre meines Erachtens eine Verharmlosung“, warnt der Agrarökonom.

Nicht gelten lassen will Grethe der Vorwurf, der Beirat erkenne zu wenig die bereits erreichten Fortschritte in der hiesigen Tierhaltung an, räumt aber ein, dass in der Zusammenfassung des rund 400 Seiten umfassenden Gutachtens der Schwerpunkt auf dem Handlungsbedarf liege.

Nicht berechtigt sei zudem die Kritik, der Beirat vernachlässige Wettbewerbsaspekte. Anhand von Modellrechnungen werde gezeigt, dass eine alleinige Anhebung der Tierschutzstandards im Inland die Wettbewerbsfähigkeit vor allem in der Rinder- und der Schweinemast, aber auch in der Geflügelhaltung erheblich verringern würde.

Gesamtstrategie nötig
Der Beirat schlage daher ein umfangreiches Maßnahmenpaket aus einem staatlichen Label, einem Ausbau der Brancheninitiative sowie von staatlichen Tierschutzprämien und weiteren Maßnahmen vor, mit denen die negativen Wettbewerbseffekte zu einem Großteil aufgefangen werden könnten.
Aus Sicht von Spiller reicht eine Erhöhung der Haltungsstandards nicht aus. Sie müsse vielmehr in eine Gesamtstrategie zum Auffangen und breiten Verteilen der Kosten eingebunden sein. Eine Vorreiterrolle könnte laut Spiller entstehen, wenn Deutschland es schaffe, ein Mehr an Tierwohl mit einer weiterhin sehr effizienten Produktion zu verbinden. Die Brancheninitiative Tierwohl lobt Spiller als „sehr innovatives Instrument“, das weltweit ohne Beispiel sei. Sie sei auf eine flächendeckende Wirkung angelegt; nur dann mache sie Sinn.
AgE/red

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