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Gutachten: Umsteuern erforderlich

02. April 2015


Tierhaltung Gute Produktqualität und hohe Ressourceneffizienz zeichnen heutige Haltungsformen aus. Für die nächsten Jahrzehnte reicht das jedoch nicht, stellt der Wissenschaftliche Beirat des Bundeslandwirtschaftsministers fest. In einem Gutachten gibt er Empfehlungen, wie die Tierhaltung mehr gesellschaftliche Akzeptanz erreichen kann. Hier Kernaussagen des 400-Seiten-Papiers.

Die Nutztierhaltung in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem wirtschaftlich sehr erfolgreichen Sektor entwickelt. Es wurden große Fortschritte in Bezug auf die Ressourceneffizienz erzielt, bescheinigt der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (WBA) der Branche. Zugleich stellt das Gremium „erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz“ fest.

Das Fazit der 17 namhaften Agrarwissenschaftler: „In Kombination mit einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung führte dies zu einer verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung.“

„Betrachtet man die Defizite im Tier- und Umweltschutz und den Wandel der Wertvorstellungen zum Mensch-Tier-Verhältnis, so sind die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere nicht zukunftsfähig“, so Prof. Achim Spiller, unter dessen Federführung das Gutachten erarbeitet wurde. „In vielen gängigen Tierhaltungssystemen besteht ein hohes Risiko für das Auftreten von Schmerzen, Leiden und Schäden für die Tiere“, ergänzte der frühere Göttinger Nutztierexperte Prof. Matthias Gauly, ebenfalls federführend für das Gutachten.

„Die starke Fokussierung der öffentlichen Diskussion auf die Rolle der Betriebsgröße (‚Massentierhaltung‘) für den Tier- und Umweltschutz ist allerdings nicht gerechtfertigt. Andere Faktoren wie die Managementqualität und die Haltungssysteme haben einen wesentlich größeren Einfluss“. Damit wenden sich die Gutachter ausdrücklich gegen Bestrebungen, die Akzeptanz von Tierhaltungen an der Bestandsgröße festzumachen.

Auf welchen Wegen sich mehr gesellschaftliche Akzeptanz für die Nutztierhaltung erreichen lässt, hat der Beirat in Leitlinien und Empfehlungen dargelegt. Diese Leitlinien wurden vorige Woche an das Bundeslandwirtschaftsministerium übergeben. Um die gesellschaftlichen Anforderungen an die Nutztierhaltung und die Realität der landwirtschaftlichen Produktion stärker in Einklang zu bringen, empfiehlt der WBA ein umfangreiches Maßnahmenbündel, dessen Kern ein Neun-Punkte-Plan für die Tierhaltung bildet.

Neun-Punkte-Plan

  • Zugang aller Nutztiere zu verschiedenen Klimazonen, vorzugsweise Außenklima
  • Angebot unterschiedlicher Funktionsbereiche mit verschiedenen Bodenbelägen
  • Angebot von Einrichtungen, Stoffen und Reizen zur artgemäßen Beschäftigung, Nahrungsaufnahme und Körperpflege
  • Angebot von ausreichend Platz
  • Verzicht auf Amputationen
  • routinemäßige betriebliche Eigenkontrollen anhand tierbezogener Tierwohlindikatoren
  • deutlich reduzierter Arzneimitteleinsatz
  • verbesserter Bildungs-, Kenntnis- und Motivationsstand der im Tierbereich arbeitenden Personen
  • stärkere Berücksichtigung funktionaler Merkmale in der Zucht.


Die Umsetzung dieser Leitlinien erfordert je nach konkreter Ausgestaltung erhebliche Anpassungsprozesse im Sektor, die zum Teil sofort begonnen werden können, überwiegend aber einen längeren Zeitraum erfordern. Auch wird der Aufwand für die Umsetzung nicht zuletzt von den betrieblichen und standörtlichen Voraussetzungen abhängen.

Für einen Großteil der Betriebe mit Tierhaltung führt die in dem Gutachten konkretisierte Umsetzung der Leitlinien zu Mehrkosten in der überschlagsmäßig ermittelten Größenordnung von 13 bis 23 %, insgesamt drei bis fünf Milliarden Euro jährlich. Diese Mehrkosten würden bei einem Wertschöpfungsanteil der Landwirtschaft am Endpreis des Verbrauch von nur rund 25 % bei einfacher Überwälzung zu einer Erhöhung der Verbraucherpreise von etwa drei bis sechs Prozent führen. Dies entspräche der bekundeten Zahlungsbereitschaft eines erheblichen Teils der Bevölkerung, die jedoch aufgrund fehlender Konzepte und der internationalen Marktintegration zurzeit nicht realisiert werde. Ohne politische Begleitmaßnahmen sei das allerdings nicht möglich. Der Wissenschaftliche Beirat meint, dass eine Umsetzung der gesetzten Ziele nur durch gemeinsame Anstrengungen von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu erreichen sind.
(ah(agrarheute)/red)

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