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Regional contra global

27. Januar 2015

Regional contra global


Zukunftswerkstatt Vielfältig, preiswert, sicher – diese Ansprüche werden an Lebensmittel gestellt. „Wohlstand und Wohlbefinden hängen von der Verfügbarkeit von Lebensmitteln ab“, sagte Franz-Josef Holzenkamp, als er die Gäste der Zukunftswerkstatt zum letzten Mal als Vorstandsvorsitzender der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft auf der Grünen Woche in Berlin begrüßte.

Drei Millionen Familien leben in Niedersachsen in der gesamten Produktionskette von Lebensmitteln. Trotzdem gäbe es Diskussionen über die Arbeit der Bauern. „Diese Hetze haben die Landwirte satt!“, sagte er.
Tatsächlich stammen weltweit 34 Prozent der Nutztierhaltungssysteme aus Deutschland. „Sie können so schlecht also nicht sein“, befand Holzenkamp und forderte entsprechende Diskussionen sachlich zu führen. Zu oft seien Qualitätsfleischprogramme schon gescheitert  „und von Umfragen können die Landwirte nicht leben“.

Mehr Zuversicht zeigte Staatssekretär Horst Schörshusen. „Ich bin mir sicher, dass die Gesellschaft bereit ist, höhere Preise zu bezahlen“, sagte er. Die Agrarwende solle deshalb im gesellschaftlichen Kontext inklusive Düngerechtsnovelle und Tierschutzplan umgesetzt werden. „Schnäbel und Ringelschwänze zu kürzen, steht nicht im Einklang mit dem Tierschutz“, befand Schörshusen. Deshalb fließe die Ringelschwanzprämie Mitte des Jahres und zusätzlich entlohne die Tierwohlinitiative den Mehraufwand mit  20 Euro je Schwein.

Das Problem der antibiotikaresistenten Keime soll zukünftig im Einklang von Human-und Veterinärmedizin gelöst werden. Anregungen aus Dänemark und den Niederlanden seien bereits aufgenommen worden. Die Aktion des Bauernverbandes Schleswig-Holstein bei der Landwirte nach einer einseitigen Berichterstattung zum Thema MRSA das Gespräch mit Redakteuren  der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ suchten, bezeichnete er dagegen als grenzwertig. „Das war ein Angriff auf die Pressefreiheit“, empörte er sich und erntete dafür entsetzte Kommentare. Unter anderem von Hartmut Danne: „Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, die Journalisten haben aber auch eine große Verantwortung!“, sagte der Landwirt aus Südniedersachsen.

In Bezug auf den Welthandel befürchtet Schörshusen, dass er den Strukturwandel fördere und die Vielfalt der Sorten, Arten und Produkte verringere. „Wir müssen neben den Vorteilen auch die Risiken sehen“, schloss er.

Weltweite Nachfrage
„Der Strukturwandel ist ein wichtiger Teil des Produktionswachstums“, sagte dagegen Dr. Martin von Lampe von der OECD. Bei steigender Nachfrage nach Eiweiß, Zucker, Obst und Gemüse sowie knappen Flächen mit nur regionalen Wasser- und Düngervorkommen sei dies jedoch notwendig.
Seine Schlussfolgerungen: „Das Risikomanagement muss in den Betrieben stattfinden und nicht von der Politik geregelt werden“, forderte er. Seit dem Jahr 2000 beobachte die OECD bereits einen deutlichen Rückgang der Einkommensstützung in der Landwirtschaft. Als Gründe nannte der Analyst den starken Anstieg der Agrarpreise und Reformen in vielen Ländern. Die stärkste Förderung erfahren die Landwirte noch in Norwegen, der Schweiz, Japan, Korea und Island.

Sinnvoller sind seiner Meinung nach Investitionen in öffentliche Güter, vor allem um Innovationen zu fördern. „Die Aus- und Weiterbildung ist eine der Schlüsselaufgaben der Landwirtschaft“, sagte er.
Den Gegenpol zu diesen Ausführungen bildete Dr. Felix Prinz zu Löwenstein vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Er verwies auf die Chancen regionaler Wertschöpfungsketten. „Bei langen Transportwegen entsteht Misstrauen, weil keiner mehr nachvollziehen kann, was drinsteckt“, verdeutlichte er.

Die moderne Landwirtschaft sei kein Bilderbuch – die Kritik daran wirklichkeitsfremd. Mit der Kritik öffne sich jedoch auch ein Fenster in die Welt der „Bilderbuchmenschen“, die Verantwortung tragen wollen. Seiner Tochter, die den Betrieb vor kurzem übernommen hat, hat er deshalb geraten bei der Investition in einen Hühnerstall auf Hühneraktien zu setzen und Eier als Rendite auszugeben. „Dann hat sie auch gleich Leute, die ihr helfen den Zaun umzustecken“, sagte zu Löwenstein augenzwinkernd. Er riet den Landwirten, die Kritik als Chance wahrzunehmen und neue Wege zu gehen, anstatt den nächsten Wachstumsschritt zu planen.
 
Global und regional
„Regionale Märkte und globale Chancen sind keine Gegensätze“, verdeutlichte Dr. Willi Schulz-Greve von der EU-Kommission in Brüssel in der anschließenden Diskussion. Dem Vorwurf, dass Afrikas Bauern keinen Marktzugang finden konnten, weil Europa subventionierte Produkte dorthin geschickt habe, entgegnete er: „Damals haben die Exporterstattungen unseren Landwirten geholfen.“ Die Auswirkungen für andere hätten keine Rolle gespielt, das sei nun anders. „Exporterstattungen gibt es nicht mehr!“, stellte Konrad Weiterer vom Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft klar. Aktuell erhofft sich Schulz-Greve neue Handelswege durch das Handelsabkommen TTIP: „Vor allem im Milchbereich werden sich positive Effekte bemerkbar machen“.
wim

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