Preise: Wer zählt zu den Gewinnern?



NLV-Samstagsforum   Angesichts steigender Produktionskosten sinken die Erlöse auf den landwirtschaftlichen Betrieben – gleichzeitig steigen die Preise für Lebensmittel in den Supermärkten stetig an. Über diese Situation diskutierten rund 160 Landfrauen mit Experten aus Landwirtschaft, Handel und Molkereien. Eine Erklärung „für das große Ganze“ konnten sie nicht mit nach Hause nehmen.

Nutzen die Discounter die aktuelle Diskussion, um ihre Margen zu erhöhen?  Diese Frage stellte Brigitte Scherb, Vorsitzende des Niedersächsischen Landfrauenverbandes Hannover (NLV) an den Anfang des Samstagsforums, dass der NLV im Rahmen der CMA-Wissensoffensive „Den Bauern als Unternehmer stärken“ veranstaltete. Diskutiert wurde die Frage „Wer bestimmt die Preise für Erzeuger und Verbraucher?“

Kein Mehreinkommen

„Die Preistreiber sind die pflanzlichen Produkte wie Getreide, Raps und Kartoffeln, die in der Zeit von März 2007 bis März 2008 um 50 % teurer geworden sind“, erläuterte Dr. Albert Hortmann-Scholten von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Für den Fleischbereich erwartet er eine Verteuerung in den kommenden Monaten. Allerdings seien im gleichen Zeitraum auch die Preise für Betriebsmittel in der Landwirtschaft um 31,1 % gestiegen. Die Folge: „Der Landwirt hat sein Mehreinkommen nicht behalten – die Verteuerung wurde weitergegeben“, sagte er.

Zudem komme immer weniger von den gestiegenen Lebensmittelpreisen im Supermarkt beim Bauern an. Im Roggenbrot, das 2,50 €/kg koste, sei lediglich für 18 Ct Roggen enthalten. „Die Energieprozesse die dazwischen liegen, machen das Brot so teuer“, erklärte er. Durch ungleiche Kräfteverhältnisse werde der Landwirt zum Rohstofflieferanten degradiert. Kosten für Logistik und Dienstleistungen verteuerten die Produkte überproportional. Ebenso sei der Verbraucherschutz auf höchstem Niveau verantwortlich für niedrige Erzeugerpreise. „Mehr als die Hälfte einer Schlachtkuh geht in die Tonne!“, sagte er. Das sei ein erheblicher Nachteil für die deutsche Landwirtschaft, die unter den global sehr unterschiedlichen Standards im Sozial-, Umwelt und Verbraucherschutz leide.

Zudem verhindern sehr hohe Selbstversorgungsgrade in Niedersachsen mit 500 % bei der Kartoffel und 200 % bei der Milch höhere Erzeugerpreise. „Wir müssen raus auf die großen Märkte, auf denen wir direkt mit Dänen, Holländern und Franzosen konkurrieren“, sagte Hortmann-Scholten. Bei einem EU-weiten Überschuss bleibe nur noch der „brutale Weltmarkt“. Dort sind Produkte aus Europa jedoch aufgrund der Währungskonstellation mit einem starken Euro schlechter aufgestellt, als zum Beispiel die der Kanadier. Allerdings glaubt Hortmann-Scholten langfristig an Preissteigerungen bei gleichzeitig stärker schwankenden Preisen.

Die Ohnmacht der mehr als 300.000 Landwirte, die zum Beispiel den drei großen Schlachtunternehmen Vion, Tönnies und Westfleisch gegenüberstünden, beruhe auch auf den langen Produktionszyklen. „Der Landwirt ist erpressbar, sobald er die Sau zulässt“, sagt Hortmann-Scholten. Nur damit seien die Rekordschlachtungen trotz des bereits seit zwei Jahren nicht kostendeckenden Preises zu erklären. Nur bei der Hähnchenmast sei die Situation durch die kurzen Produktionszyklen besser. Aber: „Das ist nicht auf Milch oder Schweine übertragbar“, lautete die Einschätzung des Kammerexperten.

Preisexplosion bei Lidl

Ist der Lebensmitteleinzelhandel der „böse Bube?“ „Die Rendite im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist im europäischen Vergleich am niedrigsten“, sagte Walter Pötter, Generalbevollmächtigter der Lidl Stiftung. „Unsere Produkte unterlagen den Preisexplosionen – jeder Käse und jede Milch war davon betroffen“, sagte er. Nur der Joghurt sei stabil, weil „da fast keine Milch drin ist.“ Lediglich 2 Ct mache der Kostenanteil der Milch im Joghurt aus. Der restliche Preis setze sich aus den Kosten für die Verpackung, die Logistik, die Fruchtzubereitung und den Zucker zusammen.

Im Eis sehe es dagegen ganz anders aus: „Nachdem die Butter teurer geworden ist, hat die gesamte deutsche Eisindustrie sie aus der Rezeptur genommen und verwendet seitdem pflanzliche Öle“, erläuterte er und gab einen Einblick in den deutschen Milchmarkt: Insgesamt kämen 40 % der 26 Mio. t in Deutschland verbrauchten Milch aus dem Ausland. Im Gegenzug würden 40 % der 28 Mio. t in Deutschland erzeugten Milch exportiert. Die deutsche Milch werde zu 44% zu Käse, 28 % zu Trinkmilch, 19 % zu Butter oder Milchpulver und 9% zu Joghurt verarbeitet. „Das heißt, dass nur 13 % der Trinkmilch im Lebensmitteleinzelhandel verkauft wird“, erklärte Pötter. Trotzdem wurden nach dem Milchstreik auch bei Lidl die Preise für Milch erhöht. Aber: „Niemand konnte es durchhalten, teurer zu sein als ein Mitbewerber“, sagte Pötter.

Gerade bei Milch sei „billig und gut“ sehr einfach, weil die Qualitätsstandards durch EU-Vorgaben klar geregelt seien, erläuterte Lars Schäkel, Geschäftsführer der Molkerei frischli. „Jeden Tag werden 2 Mio. kg Milch angeliefert und der Tank muss abends wieder leer sein“, beschreibt er das Prozedere. Gerade bei dem hohen Vermarktungsdruck im Frühjahr hätten die Molkereien so lange günstigere Angebote gemacht, bis die ganze Milch weg war. „Die Menge macht den Preis“, brachte er es auf den Punkt.

Diese Aussagen frustrierten einige Landfrauen sehr. Sie wollten deshalb wissen, woher die Milch während des Streiks kam, bei dem immerhin 300 Mio. kg Milch weggekippt wurden. „Im Streik wurde 70% geliefert, der Rest kam aus dem Lagerbestand und nicht exportierter Milch“, erklärte Schäkel. Kein Tropfen ausländischer Milch sei in der frischli-Molkerei angenommen worden, beteuerte er.

Milch aus Frankreich

Im Milchstreik seien französischen Molkereien mit 60 Mio. kg Milch für den Export nach Italien eingesprungen, ergänzte Pötter. Die Lieferanten aus Frankreich werden auch weiterhin dorthin liefern.

Verständnis für den Frust der Milcherzeuger äußerte Arendt Meyer zu Wehdel, Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen. „Der Landwirt überträgt der Molkerei treuhänderisch sein Handeln“, machte er deutlich. Weil die Landwirtschaft die Augenhöhe zum Verhandlungspartner verloren habe, stehe ein zersplittertes Angebot nun einer Marktmacht gegenüber. Es sei deshalb nötig, einen Mechanismus zu entwickeln, der Absatz und Milchmenge in Einklang bringe. „Beide Verhandlungspartner müssen auf Augenhöhe sein“, forderte er.

Es könne nicht sein, dass die Molkereien sich vom Lebensmitteleinzelhandel gegeneinander ausspielen lassen, meinte auch Heinz Korte, Landvolk-Kreisvorsitzender aus Bremervörde. Einer privat gesteuerten Mengenregelung steht er jedoch skeptisch gegenüber. „Wer will dann festlegen, wo die optimale Menge liegt?“, stellte er diese BDM-Forderung infrage.

Insgesamt sieht er die Zukunft positiv für die niedersächsischen Milcherzeuger: „Wir sind die Region in Europa, die mit besten Strukturen Milch erzeugen kann“.

Wiebke Molsen








Mittwoch, 13. August 2008

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