Lebensmittel sind mehr wert!



Milch   Die deutschen Milchbauern haben in den vergangenen Wochen sehr medienwirksam auf ihre gestiegenen Kosten aufmerksam gemacht. Mit großer Solidarität äußerten sich die Verbraucher in den Umfragen. Auf diesen Zug will nun auch der Lebensmitteleinzelhandel aufspringen. Der Discounter Netto wirbt zum Beispiel in großformatigen Anzeigen für „Ein Herz für Erzeuger-Milch“, die für 71 statt 61 Ct. angeboten wird. Versprochen wird zudem, dass der Aufpreis „nachweislich und überprüfbar voll an die Milcherzeuger weitergegeben werden“. Butter, Käse, Kartoffeln und Fleisch sollen folgen.

Was auf den ersten Blick vielversprechend aussieht, enttäuscht beim näheren Hinsehen. Gerade mal drei Molkereien in Deutschland liefern die „Ein Herz für Erzeuger-Milch“: frischli, Sachsenmilch und Hohenlohe. Das kann Glück für diesen überschaubaren Kreis der Milchbauern bedeuten, es ist Pech für die anderen Landwirte, die von dieser Marketingaktion nicht profitieren.

Aber: Selbst wenn jeder Verbraucher diese Milch kaufen würde, würde der Auszahlungspreis noch lange nicht um 10 Cent pro Liter steigen. Denn nur ein Bruchteil der abgelieferten Milch an die teilnehmenden Molkereien wird zu H-Milch verarbeitet. Nur ein kleiner Teil der 10 Cent wird also an die Erzeuger weitergegeben.

Die Marketingaktion „Ein Herz für Erzeuger“ suggeriert zudem, das die Milch eigentlich nur 61 Ct. wert ist und der Aufschlag eine Spende für notleidende Milchbauern bedeutet. Nach dem Motto: „Mit nur 10 Cent übernehmen sie Verantwortung für deutsche Landwirte!“ Besser könnte auch ein Spendenaufruf für afrikanische Patenkinder nicht formuliert seien.

Um die Auszahlungspreise für die Milch anzuheben, müssen die Preise für alle Milchprodukte steigen. Zurzeit sieht es jedoch nicht gut für einen Preisanstieg nach 2007er-Vorbild aus. Es ist ganz entgegen dem normalen saisonalen Trend zuviel Butter und Käse auf dem Markt. Aldi hat diese Situation drei Tage nach dem Milchgipfel genutzt, um ein neues Preissignal zu setzen. Seit dem 1. August kauft der Discounter das Kilogramm Butter in einem Zwei-Monats-Kontrakt 25 Cent billiger als bisher ein.

Langfristig eine stärkere wirtschaftliche Sicherheit, wie sie Franz Pröls, Geschäftsführer des Netto Marken-Discount, den Landwirten mit seiner „Ein Herz für Erzeuger-Aktion“ verspricht, kann es so nicht geben. Allerdings haben die Verbraucher jetzt die Chance, seine Solidarität auch praktisch zu zeigen. Denn: Lebensmittel sind mehr wert!

Wiebke Molsen








Mittwoch, 6. August 2008

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