In Uniform, und immer wilkommen



Balkaneinsatz  Nicht nur mit der Waffe in der Hand schafft die Bundeswehr auf dem Balkan ein Umfeld für einen friedlichen Neustart. Seit dem Ende des Krieges im Jahre 1999 leisten deutsche Soldaten im Kosovo auch praktische Hilfe für einen wirtschaftlichen Aufschwung, mit dabei ein uniformierter Landwirt aus Nienburg. 

 Auch wenn er immer eine Waffe bei sich hat und in tarnfarbener Uniform zu ihnen kommt: Rolf S. ist bei den Landwirten im Raum Prizren hochwillkommen. Der 41-jährige Agraringenieur aus Nienburg kennt den Südwesten des Kosovos so gut wie kaum ein anderer deutscher Soldat. Zum dritten Mal schon ist der sportliche Oberleutnant im Auslands-
einsatz auf dem Balkan. Rolf S. hat sich jedes Mal freiwillig für die Arbeit bei der Schutztruppe Kfor gemeldet. Sein Auftrag ist immer der gleiche: Er soll im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit (kurz: Cimic) die Bauern im deutschen Verantwortungsbereich aus- und weiterbilden.

Allround-Wissen ist gefragt

Noch bis Ende September leitet der Oberleutnant den Cimic-Agrartrupp. Gemeinsam mit dem Unteroffizier Robert B. aus der Nähe des Starnberger Sees und dem Hauptgefreiten Ringo H. aus der Magdeburger Börde – beides ebenfalls ausgebildete Landwirte – hat sich Rolf S. zum Ziel gesetzt, die landwirtschaftliche Produktion zu modernisieren und zu steigern. „Mal geht es darum, die Melonenfelder effektiver zu bewässern“, sagt der Oberleutnant, „mal helfen wir, die Vermarktung der Milch zu optimieren.“

Wenn der Agrartrupp auf die meist sehr kleinen Bauernhöfe kommt, ist „Allround-Wissen“ gefordert. Wie bekomme ich Ersatzteile für den Maisernter aus Deutschland? Wie muss ich meine Kühe füttern, damit sie mehr Milch geben? Die Cimic-Experten wissen fast immer zu helfen. Deshalb werden sie überall mit offenen Armen empfangen – in den Bergdörfern genauso wie bei den Gemüsebauern vor den Toren Prizrens.

Genau wie Rolf S. hat sich auch der 29-jährige Robert B. freiwillig für den Einsatz auf dem Balkan gemeldet. „Hier spürt man jeden Tag, wie wichtig unsere Hilfe ist“, sagt der Bayer, der daheim mit seinen Eltern einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet und sich als „leidenschaftlicher Ochsen-Fan“ zu erkennen gibt. Dass die Arbeit auf dem derzeit extrem heißen Balkan recht gut bezahlt wird, mag für die Männer vom Agrartrupp ein zusätzlicher Anreiz gewesen sein. Neben dem Sold zahlt der Bund ihnen einen Auslandsverwendungszuschlag, der für alle Soldaten gleich hoch ist und immerhin pro Tag 66,47 Euro einbringt – steuerfrei.

Weil sie nicht wie der Blinde von der Sonne reden, sondern viele Erfahrungen auf den eigenen Höfen gesammelt haben, sind der Oberleutnant und der Unteroffizier gern gesehene Gäste in den Dörfern der Provinz Prizren. „Wir sagen den Leuten ganz deutlich, dass sie mehr leisten können – und mehr leisten müssen, wenn sie ihren Lebensstandard verbessern wollen“, sagt Rolf S.

Nachfrage nach Nahrungsmitteln ist groß

Die Bauern müssen davon überzeugt werden, dass sie nicht nur für den Bedarf ihrer Großfamilie produzieren müssen. Sie haben eine Chance auf den Märkten, denn dort ist die Nachfrage groß. Die Bevölkerung im Kosovo wächst so schnell wie keine andere in Europa – und die meisten Nahrungsmittel werden nach wie vor importiert. Deshalb zeigt der Agrartrupp den Hirten auf den Almen, wie man auch dort eine Milchsammelstelle betreiben und so mit der Milch gutes Geld verdienen kann. Rolf S. stellt Kontakte zu Milchverarbeitern und Fleischern her. Vor allem aber hat er sich zum Ziel gesetzt, die Jungbauern besser auszubilden.

Um sich viele beschwerliche Fahrten auf die bis zu 1.800 Meter hohen Berge zu ersparen, hat der Cimic-Trupp schon vor Jahren ein Agrarinformationszentrum (AIZ) eingerichtet. Auf einer Milchfarm, die vor sechs Jahren mit Hilfe der Bundeswehr von einem kosovarischen Spediteur wiederbelebt wurde und die etwa 70 Hochleistungskühe aus dem Allgäu erhalten hat, werden in jedem Monat mindestens zwei Fortbildungsveranstaltungen für kosovarische Bauern angeboten. „Das ist Interesse ist groß“, sagt Rolf S. „wir sind jedes Mal ausgebucht.“ Neuerdings wird das AIZ auch als Berufsschule für die Ausbildung junger Landwirte genutzt. „Da unterstützen wir das neue Landwirtschaftsministerium“, erläutert der Cimic-Truppführer, der daheim einen eigenen Nebenwerbsbetrieb hat und seine Ausbildung in der Fachhochschule Osnabrück absolvierte.

Nicht nur weil sie viel Kontakt mit den Kosovaren haben und viel im Lande herumkommen, macht den drei Landwirten die Arbeit Spaß. Sie spüren auch, dass ihre Kompetenz anerkannt wird. Ein Bullenmäster etwa klopft den Männern auf die Schultern und berichtet stolz, dass er den Weizenertrag auf 60 dt/ha gesteigert habe. Seine Bullen fressen eine Futtermischung, deren Rezeptur aus dem AIZ stammt. „Oben auf den Bergalmen zeigen wir den Bauern, wie sie ihr Grünland besser nutzen und wie sie besseres Heu produzieren können, damit ihre Tiere auch im Winter mit einem nährstoffreichen Futter versorgt werden können“, berichtet Rolf S. Er hilft beim Einsatz moderner Drillmaschinen und ist überzeugt, dass auf dem besseren Grünland schon bald eiweißreiche Luzerne wächst. „Es kann doch nicht sein“, sagt er, „dass hier nur minderwertiges Pferdeheu geerntet wird.“

Neuester „Renner“ im AIZ ist eine einfache Ölmühle. Sie stammt aus Deutschland und arbeitet gut, wenn nicht gerade der Strom ausfällt. Sie wird mit Raps gefüttert und liefert den Bauern nicht nur preiswertes Öl für ihre Trecker und Erntemaschinen, sondern auch Kraftfutter für das Rindvieh. Weil die Öl- und Energiepreise auch im Kosovo
enorm gestiegen sind, sehen sich jetzt viele Bauern nach einer solchen Mühle um. Dass der Rapsanbau im Südosten des Kosovo stark zunehmen wird, ist für Rolf S. nur eine Frage der Zeit. Allerdings räumt er auch ein, dass die meisten alten Selbstfahrmähdrescher aus jugoslawischer Produktion für die Rapsernte nicht zu gebrauchen sind. Doch der Oberleutnant ist optimistisch. „Als die Leute hier gelernt haben, dass vom Mais nicht nur die Kolben als Futter zu gebrauchen sind, da haben sie ganz schnell gebrauchte Häcksler ins Land geholt und Maissilos eingerichtet.
Warum sich die Bundeswehr so sehr um die Bauern im Kosovo kümmert? Der blonde Oberleutnant muss nicht lange überlegen: „Wir leisten einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Truppe.“

Die zivil-militärische Zusammenarbeit ist darauf ausgerichtet, Vertrauen aufzubauen und Informationen über die wirtschaftliche Lage wie auch über die Stimmung im Lande zu sammeln. „Uns sind Quellen zugänglich“, sagt der Oberleutnant, „die andere Kfor-Kräfte gewiss nicht nutzen können.“ Weil der Agrartrupp als Helfer und Berater akzeptiert sei, könne er viele wichtige Beiträge zum täglichen Lagebild liefern.

„Wir wissen, dass wir als Soldaten gefordert sind.“ Doch wenn Rolf. S. und seine beiden Teamkollegen mit den Landwirten im Kosovo zusammentreffen, dann geht es meist ziemlich unmilitärisch zu, dann reden Bauern mit Bauern, und dann stellen die Gastgeber auch schon einmal einen selbstgebrannten Raki auf den Tisch.

Klaus von der Brelie








Mittwoch, 6. August 2008

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