Landvolk setzt auf Kraft der Argumente
Milchpolitik Vor knapp zwei Monaten bestimmte der Milchlieferboykott die Politik – am kommenden Dienstag ruft Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer zum nationalen Milchgipfel nach Berlin: Im Interview mit LAND & Forst-Chefredakteur Andreas Becker lässt Niedersachsens Landvolkpräsident Werner Hilse die vergangenen Wochen Revue passieren und zeigt neue Perspektiven für die Zukunft der Milchbauern auf.
Das Landvolk stellt in seinem aktuellen Flyer „Milcherzeugung in Niedersachsen“ seine Positionen detailliert dar und setzt auf die Kraft der Argumente. Ist diese Publikation eine unmittelbare Reaktion auf die Geschehnisse rund um den zehntätigen Milchlieferboykott Ende Mai/Anfang Juni? Nein, es ist keine unmittelbare Reaktion auf den Milchlieferboykott. Aber die derzeit geführte emotionale Diskussion um die Milch macht es notwendig, unsere Argumente und Positionierung noch einmal deutlich zu machen. Die Veränderungen durch die EU-Agrarpolitik und deren Ausrichtung auf die Märkte erfordern ein Umdenken. Dies gilt auch für den bis heute stark regulierten Milchmarkt.
Beim Deutschen Bauerntag vor drei Wochen hatte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner selbstkritisch eingeräumt, dass der Bund Deutscher Milchviehhalter den „Nerv der Milchbauern getroffen und diese in ihrer Enttäuschung und ihrem Frust abgeholt“ hat. Hat der Deutsche Bauernverband (DBV) den vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) initiierten Milchlieferboykott in den ersten Tagen unterschätzt? Sicher konnte man überrascht sein über die große Bereitschaft unter Teilen der Milchbauern, ihre Milch nicht abzuliefern. Dies zeigt, wie groß die Not in den Milchviehbetrieben ist. Der DBV und seine Landesverbände haben in den vorangegangenen Monaten versucht, deutlich zu machen, dass eine Entwicklung zu höheren Preisen nur über die Märkte möglich ist. Wohlwissend, dass diese Botschaft nicht die gleiche Zuversicht ausstrahlen kann wie die Forderung nach einem festen Basispreis.
Einige niedersächsische Milchbauern haben in den vergangenen Wochen kritisiert, dass das Landvolk ihre Interessen in der Milchpolitik nicht korrekt vertreten würde. Können Sie diese Kritik nachvollziehen? Das Landvolk Niedersachsen hat in den vergangenen Jahren massiv daran gearbeitet, die Rahmenbedingungen für die niedersächsischen Milchviehbetriebe und insbesondere für die nachfolgenden jungen Generation zu verbessern und ihnen Perspektiven zu erschließen. Dieser Aktion ist es beispielsweise zu verdanken, dass wir die überregionale Handelbarkeit der Quoten durchgesetzt haben und damit ein fairer Quotenpreis für alle möglich ist. In der Konsequenz bedeutet dies eine Stärkung der Milchviehbetriebe in Bezug auf ihre betrieblichen Entwicklungsmöglichkeiten.
Im aktuellen Landvolk-Flyer sieht sich die Interessenvertretung „in der Verantwortung für die jetzt wirtschaftenden Familien und für die kommenden Generationen“. Beinhaltet diese Position, dass der Strukturwandel in der niedersächsischen Milchwirtschaft noch weitere „Opfer“ fordern wird? Ich wehre mich dagegen, von Opfern oder möglicherweise in anderen Fällen vom Höfesterben zu sprechen, weil ein Strukturanpassungsprozess zu jeder Volkswirtschaft dazugehört. Hiervon ist die Landwirtschaft nicht ausgenommen, da gerade sie durch den technischen Fortschritt dazu gezwungen wird. In der Regel geht ein Strukturwandel mit einem Generationswechsel einher und sollte sozial verträglich abgefedert werden. Auch hierzu haben wir Position bezogen.
„Wunschdenken“, so das Landvolk, sei sowohl bei den unternehmerischen Entscheidungen auf den Höfen als auch in der Verbandsarbeit ein „schlechter Ratgeber“. Können Sie dieses „Wunschdenken“ konkretisieren? Ein marktgerechtes Verhalten ist nicht mit plakativen Forderungen zu erzwingen. Es sind die marktkonforme Produktion, Produktentwicklung und Vermarktungsstrategien, die insgesamt zu einer höheren Wertschöpfung führen. Nur mit einer höheren Wertschöpfung lässt sich nachhaltig eine wirtschaftliche Produktion erreichen. Planwirtschaftliche Ansätze wie etwa eine Mengensteuerung oder feste Basispreise führen zur Lähmung betrieblicher Entwicklungen und damit zu völlig überflüssigen „Softwarekosten“ bei der Beschaffung von Lieferrechten. Im Übrigen ist es eine irrige Annahme, dass es in Europa die notwendige Einstimmigkeit für eine Fortführung der Quotenregelung geben wird. Es kann doch wohl auch niemand glauben, dass es für Deutschland im gemeinsamen und damit globalen Markt eine Insellösung geben wird.
Die „komplette Ausrichtung auf den Markt“ ist für das Landvolk Niedersachsen der „einzig sinnvolle Weg für die niedersächsische Milchwirtschaft“. Müssen Sie in diesem Punkt noch viel Überzeugungsarbeit leisten? Anders ausgedrückt: Fehlt teilweise auf den Höfen noch das Know-how oder gar die Bereitschaft, sich nachhaltig auf die Gesetze des Marktes einzulassen? Nirgendwo auf der Welt ist das Know-how der Landwirte größer als in Deutschland. Dies betrifft insbesondere die Produktionstechnik. Allerdings ist das Wissen um die Entwicklung der Märkte eine neue Herausforderung, die in vielerlei Sicht vom einzelnen Landwirt noch schwer zu bewältigen ist. Er ist auch in diesem Bereich darauf angewiesen, im Rahmen der Wertschöpfungskette die richtigen Vermarktungspartner zu finden. Um seine Produkte nachhaltig erfolgreich im Markt platzieren zu können, wird der Landwirt auch in Zukunft gute Informationsquellen nötig haben. Schon heute bieten wir als Landvolk jeder Sparte einen ständigen Infodienst an, den er über seinen Kreisverband beziehen kann. Diesen gilt es in Zukunft weiter auszubauen. Die vergangenen 40 Jahre waren eben davon geprägt, dass die EU-Agrarpolitik die Märkte geordnet hat. Jetzt sind die Zeichen der globalen Märkte unaufhaltsam, sie bedeuten für uns neue Herausforderungen.
Bei allen Emotionen und Existenznöten, die in der jüngeren Vergangenheit viele Veranstaltungen und Diskussionen geprägt haben – welche Hoffnungen, welche Perspektiven kann der Landvolkpräsident den niedersächsischen Milchbauern mit auf den Weg geben? Im Nahrungsmittelbereich stehen wir jetzt und in Zukunft Nachfragemärkten gegenüber. Dies ist eine Herausforderung und zugleich eine große Chance für den Berufsstand. Dieses gilt auch in herausgehobener Weise für die Wertschöpfungskette der Milchproduzenten, -verarbeiter und -vermarkter. Nur die Erschließung der kaufkräftigsten Märkte bietet die Gewähr, eine deutlich höhere Wertschöpfung zu erzielen. Dieses wird zu einem höheren Milchpreis führen, der den Milchbauern eine nachhaltige Zukunft sichert. Das große Produktions-Know-how unserer Milchbauern und die anerkannte und herausragende Qualität des Rohstoffes Milch müssen wir in bare Münze umwandeln. Dazu gehört auch eine intelligente Produktentwicklung. Dies ist der Trumpf im Wettbewerb, der uns neue und interessante Märkte eröffnen kann. Die niedersächsischen Milchbauern sind in diesem Bereich besonders gut aufgestellt.
Herr Hilse, was dürfen die Milchbauern vom Milchgipfel erwarten, zu dem Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer am 29. Juli nach Berlin einlädt? Auch von einem nationalen Milchgipfel ist nicht zu erwarten, dass man mit politischen Mitteln die Entwicklung an den Märkten so beeinflussen kann, dass daraus eine aktive Preispolitik entstehen kann. Die Politik wäre gut beraten, wenn sie dafür Sorge trägt, dass ein fairer Wettbewerb auch gegenüber dem Einzelhandel stattfinden kann.
Sollten die Ergebnisse dieses Milchgipfels nicht den Interessen eines Großteils der Milchbauern entsprechen – droht dann erneut ein Milchlieferboykott? Wir glauben nicht an eine nachhaltige Veränderung an den Märkten durch einen Milchlieferboykott. Die Aktionen im Mai haben jedoch eine politische Auseinandersetzung ausgelöst, in denen die Funktionsfähigkeit der Märkte in den Mittelpunkt gerückt worden ist. Dies hat uns als Landvolk Niedersachsen veranlasst, gemeinsam mit den Kreisvorsitzenden, dem Milchausschuss und vielen Praktikern eine Positionierung zu entwickeln, die den niedersächsischen Milchbauern eine nachhaltige Perspektive bietet, und ihr gesundes und gerechtfertigtes Selbstbewusstsein stärkt. Das Landvolk Niedersachsen stellt sich gerne jeder Diskussion und setzt auf die Kraft seiner Argumente.
Flyer liegt aus Der Flyer „Milcherzeugung in Niedersachsen – Positionen & Argumente“ liegt in den Geschäftsstellen der Kreislandvolkverbände aus und steht als Download im Internet unter www.landvolk.net
Mittwoch, 23. Juli 2008
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