"Die Globalisierung halten wir nicht auf"
Milch Brücken zu bauen und Gesprächsbereitschaft zu signalisieren – das war das Ziel der milchwirtschaftlichen Arbeitsgruppe im Landvolk-Bezirksverband Stade, als sie die BDM-Teamleiter des Bezirks einlud. Und obwohl es bei dem Treffen um ein hochemotionales Thema ging, haben die rund 20 Landwirte in Zeven sachlich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede herausgearbeitet.
Die wichtigste Gemeinsamkeit: „Wir wollen die Erlössituation der Milcherzeuger verbessern“, sagte Heinz Korte, Vorsitzender der Arbeitsgruppe. Die Unterschiede fangen erst beim Weg an. Während das Landvolk Niedersachsen auf einem liberalisierten Markt Chancen sieht, will der BDM das Angebot nach dem Preis ausrichten und bei fallenden Preisen das Milchangebot reduzieren.
Menge bestimmt den Preis
„Wir können unsere Herde ohne Probleme auf 7.500, auf 8.000 oder auch auf 8.500 l setzen“, sagte Martin Morisse vom BDM dazu. Durch die verringerte Menge bliebe der Preis stabil – so die Theorie. „Die Zeichen der Welt stehen auf Globalisierung“, wandte Korte dagegen ein: „Als Milchbauern können wir diesen Trend nicht aufhalten“. Von einem Alleingang der deutschen Milchbauern hält er deshalb nichts.
„Die fehlende Milchmenge wird sofort durch andere Länder beschickt“, ist sich auch Heinrich Daseking, der im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium „für alles zuständig ist, was mit Milch zu tun hat“ sicher. Und dass die Landwirte europaweit ihre Milchmenge verringern, daran zweifelte Rudolf Heins, Landvolk-Vorsitzender aus Zeven gewaltig. „Dazu ist die Mentalität zu verschieden“, sagte er. Viel wichtiger sei es, Kosten, die der Betrieb Monat für Monat mitschleppe, zu reduzieren. Mit dem Ausstieg aus der Mengenregulierung fallen ab 2015 die Kosten für den Quotenerwerb weg. Heins sieht darin eine große Erleichterung.
Umrechnungsfaktor ändern
Um die Milchmenge zu reduzieren, möchte der BDM zudem den Umrechnungsfaktor der Molkereien von Liter in Kilogramm Milch von 1,02 kg auf 1,03 kg verändern. Denn Milch wird zwar in Volumen (Liter) gemessen, aber von der Molkerei nach Gewicht (Tonnen) bezahlt. Weil 1 l Milch schwerer ist als 1 kg, wird pro abgeliefertem Liter 1,02 kg bezahlt. Neben Deutschland wendet auch Dänemark diesen Wert an, während die meisten europäischen Länder mit dem Umrechnungsfaktor 1,03 arbeiten. Würde dies angepasst, dürften die Milcherzeuger bei unveränderter Referenzmenge weniger Milch liefern. Insgesamt käme diese Regelung damit einer Quotenkürzung um 1% gleich. „Das wäre ein Zeichen an den Markt, dass weniger Milch zur Verfügung steht“, sagte Morisse.
Andererseits würde dadurch der deutsche Absatz geschwächt, weil weniger Milch verarbeitet werden kann. „Ist der Mengeneffekt wirklich so groß, dass der Preis dadurch steigt? Ich sage Nein!“, machte Landvolk-Milchreferent Dr. Werner Rüther deutlich. Schließlich falle bei geringerer Ablieferung auch das Milchgeld auf den Betrieben geringer aus. Holland und Dänemark würden außerdem ohne weiteres in diese Lücke stoßen, meinte er. Sollte Deutschland den Umrechnungsfaktor tatsächlich anpassen wollen, würde die EU-Kommission wahrscheinlich ohnehin die deutsche Quote entsprechend erhöhen. Damit könnten die Milcherzeuger weiter die gleiche Menge liefern.
Nach Ansicht von Korte widerstrebt den wachstumswilligen Milcherzeugern im Bezirk Stade eine freiwillige Mengenbegrenzung. In den vergangenen Jahren haben sie viel Geld und Mühe aufgewendet, um ihre Betriebe zu erweitern. Von 1994 bis 2006 stieg zum Beispiel im Landkreis Cuxhaven die Milchquote dort von 466 Mio. kg auf 620 Mio. kg an.
Milchquote abschaffen
Dass die Angst auf den Betrieben vor dem Gang aus einer straffen Marktordnung in den freien Markt groß ist, kann Korte verstehen. „Keiner weiß was passiert“, sagte er. Das größte Problem sei jedoch, dass die Quote die Milchbauern bereits begrenze, obwohl sie auf einem freien Markt tätig seien. „Wir akzeptieren, dass die Märkte liberaler werden und müssen uns darauf einstellen“, sagte Korte. Ausgestaltete Verträge mit den Molkereien seien ein erster Schritt in die richtige Richtung.
„Das weitere Vorgehen zum Auslaufen der Milchquote wird im Herbst beschlossen, egal was DBV oder BDM sagen“, ist Korte sich sicher. Schließlich arbeite die EU-Kommission nicht zum Wohle der Landwirtschaft, vielmehr sehe sie ihre Aufgaben darin, den Verbrauchern günstige Lebensmittelpreise zu sichern. Auch darin waren sich alle Landwirte an diesem Tag einig.
Wiebke Molsen
Mittwoch, 23. Juli 2008
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