"Zum Markt gibt es keine Alternative"



Milchpolitik  „Niedersachsens Milchbauern werden sich am Markt behaupten können, zum Markt gibt es keine Alternative“. Diese Einschätzung äußerte Landvolkpräsident Werner Hilse vor Journalisten in Hannover. Als exportorientierte Region müsse sich das Agrarland Niedersachsen den Marktmechanismen stellen, begründete er die Position des Verbandes zur Milchpolitik.

Keinen Zweifel an einer weiteren Reduzierung der Handelsbeschränkungen lasse die Position der Europäischen Union erkennen. „Die bisherigen Reglementierungen wie die Quotenregelungen werden wegfallen“, sagte Hilse dazu. Das Landvolk Niedersachsen stehe zum Ausstieg aus der Quotenregelung. „Den Milcherzeugern bleiben damit zukünftig enorme Kosten zum Erwerb der Quoten erspart“, fügte Hauptgeschäftsführer Jörn Dwehus an. Schon jetzt sei jeder Liter Milch mit rund vier Cent Quotenkosten belastet.

Um die Herausforderungen des Marktes annehmen zu können, sei eine noch bessere Beobachtung und Analyse der in- und ausländischen Märkte notwendig. Aus Sicht der Landwirtschaft wünschte sich Hilse praxisnahe Vertragsmodelle zur Preisabsicherung. „Die Milchvieh haltenden Betriebe und auch die Verarbeitungsunternehmen werden zukünftig solche Instrumente benötigen, um die Preisschwankungen auf den Märkten in den Griff zu bekommen“, sagte Hilse.

Mit Blick auf die stetig gestiegenen Kosten – unter anderem für Energie, Futter- und Düngemittel – wertete er rückläufige Erlöse für die Milchviehhalter wie auch insbesondere für die Ferkelerzeuger als „desaströs“. Eine Entlastung bei den Produktionsaufwendungen sei daher dringend erforderlich. Hier sah Hilse auch die Politiker in der Pflicht. „Wir werden nicht locker lassen, um bei den Energiekosten Entlastungen zu erreichen,“ kündigte Hilse an. Es könne einfach nicht sein, dass für Feldarbeiten in Deutschland Mineralölsteuer gezahlt werden müsse, in anderen EU-Staaten dagegen nicht.

Eng verknüpft bleibe der wirtschaftliche Erfolg der Milcherzeuger aber mit der richtigen strategischen Ausrichtung und Aufstellung ihrer Verarbeitungsunternehmen. Hilse sah die norddeutschen Molkereien hier auf gutem Wege. „Insbesondere die Lieferanten der Nordmilch, des mit Abstand größten deutschen Milchverarbeiters, hoffen darauf, dass sich der Umstrukturierungsprozess jetzt auszahlen wird“, fügte er an. Gemeinsam mit den Molkereien sei der Verband im Gespräch über neue Vertragsmodelle. So könnte in den Vertragsbeziehungen zwischen Landwirten und ihren Molkereien Laufzeiten sowie Mengen- und Preiskomponenten eine zentrale Rolle zukommen. Spätestens zum Ende der Milchquotenregelung im Jahr 2015 müssten derartige Modelle realisiert sein, meinte der Landvolkpräsident.

Die Preisentwicklungen an den Märkten, wie sie in den vergangenen zwölf Monaten zu beobachten waren, erforderten schon heute eine schnelle Umsetzung. Hilse wünschte sich in dem Zusammenhang weniger starke Sprünge, sie führten zu Marktverwerfungen. Es müssten alle Anstrengungen unternommen werden, um profunde Marktanalysen zu erstellen und Trends zu erforschen sowie eine noch intensivere Markterschließung zu betreiben.

„Deutschland ist der größte Käseproduzent in Europa. Weit mehr als 40 Prozent unserer Milchprodukte werden bereits exportiert. Das ist ein unumkehrbarer Prozess, der zugleich deutlich belegt, dass unsere Produkte von höchster Qualität sind“, schilderte Hilse die aktuelle Situation auf den internationalen Milchmärkten. Die deutschen Landwirte könnten ihr Marktpotenzial noch stärker ausnutzen, weil die Gestehungskosten für Milch sich weltweit weiter angleichen würden, sagte Dwehus. Beispielsweise sei Neuseeland hier sehr nahe an den hiesigen Erzeugerpreis heran gerückt, die deutschen Milcherzeuger würden damit in ihrer Wettbewerbsfähigkeit gestärkt.
Die EU-Marktordnungselemente, allen voran die Intervention von Butter und Magermilchpulver, seien seit der Agrarreform 2003 de facto abgeschafft, die Exporterstattungen vor einem Jahr ausgesetzt worden, fuhr Hilse fort. Die steigende Nachfrage an den Weltmärkten wertete er als eine neue Chance, sah darin aber zugleich eine Herausforderung für die Bauern. „Unter diesen Voraussetzungen gilt es, für aufnahmefähige Märkte zu produzieren“, sagte Hilse. Niedersächsische Milchbauern wollten diese neuen Herausforderungen annehmen und nicht länger durch Marktbeschränkungen in ihren unternehmerischen Entscheidungen behindert werden oder gar gewaltige Summen in zeitlich befristete Lieferrechte investieren. „Es ist wesentlich sinnvoller, dieses Geld in die Betriebe zu investieren“, meinte Hilse und wehrte sich damit gegen „Insellösungen“ für den deutschen Markt.

Gemeinsam mit der in Niedersachsen hervorragend aufgestellten Ernährungsindustrie müsse eine noch höhere Wertschöpfung in der Erzeugungskette vom Kuhstall bis zur Ladentheke erreicht werden. Hilse sah darin den konsequenten Weg, um höhere Erzeugerpreise durchsetzen zu können. Damit könnten zugleich die gestiegenen Kosten aufgefangen und den Bauern damit auskömmliche Einkommen garantiert werden. Den vielen, gut ausgebildeten jungen Landwirten stünden neue Märkte und eine steigende Nachfrage gegenüber. „Wir werden uns weiter für eine nachhaltige und zukunftsweisende Landwirtschaft einsetzen und unseren jungen Betriebsleitern Perspektiven aufzeigen“, sagt Landvolkpräsident Hilse abschließend zum Selbstverständnis des Verbandes.

Gabi von der Brelie








Mittwoch, 16. Juli 2008

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